"Mausohr-Region" Schaffhausen-Hegau-Bodensee ...

... Seit Jahrzehnten werden nun schon im Landkreis Konstanz und im Kanton Schaffhausen Aufzeichnungen über Fledermausquartiere und Fledermausfunde gemacht 


(wf/asp) Inzwischen sind wir in der glücklichen Lage, dass etwa 95% dieser Daten in unserer elektronischen Datenbank Grosses Mausohr, Bild Hans-Peter Stutz"BatBase" eingegeben sind und für schnelle Datenrecherchen zur Verfügung stehen. Anlässlich dieser Ausgabe der "Fledermaus-Region" haben wir unseren Computer über das Grosse Mausohr befragt und dann selbst gestaunt, dass er für unser Gebiet rund 1200 Dateneinträge zu dieser Art kennt, die sich auf über 100 Quartiere und eine Menge von Einzelfunden verteilen. Nicht ganz überraschend dürfte damit das Mausohr die Art sein, von der wir hierzulande die dichtesten Informationen zur Quartiersituation haben. Dass aber auch hier noch grosse Wissenslücken klaffen zeigt sich beispielsweise darin, dass wir im Winter weniger als 2 % des Mausohrbestandes finden, der im Sommer anwesend ist - der ganze Rest verschwindet alljährlich im Spätsommer spurlos.

Vorkommen der Großen Mausohren

Abbildung 1: Vorkommen des Großen Mausohrs (Myotis myotis) im Kanton Schaffhausen und im Landkreis Konstanz.
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Dennoch lässt sich aus den vorhandenen Daten ein recht aufschlussreiches Bild zusammensetzen, wie die Kartendarstellungen zeigen. In Abbildung 1 wird ersichtlich, dass sich ein relativ dichter Teppich von Mausohrquartieren über den gesamten Landkreis Konstanz und den Kanton Schaffhausen erstreckt. Zwischen den Wochenstuben der Weibchen liegen weit verteilt die Männchenquartiere, als die Quartiere, die von einzelnen Männchen bewohnt werden, die dann im Spätsommer "Besuch" von den Damen erhalten.

Direkt in den grösseren Städten - Konstanz, Radolfzell, Singen und Schaffhausen - fehlen Mausohrvorkommen fast vollständig, obwohl auch hier geeignete grosse Dachstühle z.B. in Kirchen oder alten Schulhäusern zur Verfügung stünden und wir nicht wenige davon gezielt abgesucht haben. Warum das so ist, könnte möglicherweise mit den weiteren Wegen zu den Jagdgebieten erklärt werden. Allerdings wissen wir, dass Mausohren während Ihrer nächtlichen Nahrungsflüge ohne weiteres 20 km und mehr zurücklegen können, um ergiebige Wälder oder Offenflächen mit schütterem Bodenbewuchs für die Jagd aufzusuchen. Eine andere denkbare Erklärung für die Abwesenheit von Mausohren in den grösseren Städten könnte in der Beschaffenheit der Wege zu den Jagdgebieten liegen und nicht unbedingt in ihrer Länge: hell erleuchtete Strassenzüge und Wohngebiete dürften den Fledermäusen beim nächtlichen Ausflug kaum zusagen. Wer bei Ausflugbeobachtungen an den Quartieren einmal beobachtet hat, wie sich Mausohren in waghalsigen Sturzflügen auf direktem Weg in die Deckung dunkler Buschreihen begeben, um sich vor Eulen und anderen Feinden zu verbergen, der kann sich leicht vorstellen, dass kilometerlange Flüge durch erleuchtete Stadtviertel nicht gerade der Traum eines Mausohrs sind. Sieht man von den Mausohren im bewaldeten Friedhof von Schaffhausen ab, sind die einzigen echten "Stadtquartiere", die wir kennen, je ein Männchenquartier in Engen und Stein am Rhein sowie die Wochenstube in Engen, die jedoch durch einen innerstädtischen Grünzug mit dem Umfeld vernetzt ist. Generell können wir also aus dem Verteilungsmuster der Sommerquartiere schliessen, dass in unserer Region kleinere Ortschaften eher attraktiv für Mausohren sind.

Wochenstuben des großen Mausohrs

Abbildung 2: Wochenstuben des Großen Mausohrs wie in Abb. 1, jedoch wurden zur Verdeutlichung der Quartierabstände und der Verteilung über die Fläche je zwei Kreise mit dem (willkürlich und ohne ökologische Bewandnis ausgewählten) Radius von 5 bzw. 10 km eingetragen.
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Weiterhin fällt die spärliche Verteilung von Mausohren auf dem Bodanrück bis hin nach Konstanz auf. In diesem Bereich haben wir alle Kirchen und eine Reihe anderer grosser Dachstühle kontrolliert, im ganzen Bereich zwischen Konstanz und Allensbach aber nur ganze 4 Männchenquartiere und keine Wochenstube gefunden. Abbildung 2 verdeutlicht diese auffällige Lücke noch mehr: während von nahezu jedem beliebigen Punkt im gesamten Kanton Schaffhausen und im Landkreis Konstanz eine Mausohr-Wochenstube in weniger als 10 km Entfernung erreicht wird (gestrichelte Kreise um die bekannten Wochenstuben herum), ist das nur beim östlichen Bodanrück nicht der Fall. Ist dieser waldreiche und in vielen Bereichen naturnahe Winkel am westlichen Bodensee wirklich so arm an Mausohren? Haben wir das Quartier in der Tat einfach noch nicht gefunden? Oder wurde es unbemerkt schon vor Jahren zerstört? Oder wird der Bodanrück von Bewohnern der grossen Wochenstube in Markelfingen bei Radolfzell in Beschlag genommen, die im Süden und Westen weniger attraktive Jagdgebiete vorfinden? Für weniger wahrscheinlich halten wir, dass Mausohren regelmässig über die Wasserflächen des Sees zu Quartieren im Bodenseekreis oder im Kanton Thurgau fliegen.

Eine interessante Geschichte verbirgt sich auch hinter der Wochenstube, die in Abbildung 2 zwischen den Orten Radolfzell und Aach zu erkennen ist: stellen Sie sich vor, welche auffällige Lücke hier ohne diese Wochenstube (im OrtFliegendes Mausohr Bild: Leo Fritz Steisslingen) klaffen würde. Dies war uns auch schon vor einigen Jahren aufgefallen - kurz bevor wir im Rahmen der systematischen Kartierungen von Fledermausvorkommen in Kirchen als vorerst letzte Mausohrwochenstube genau diesen "Lückenfüller" entdeckt haben, der das ansonsten dichte Netz der Fortpflanzungsquartiere von Mausohren in unserer Region komplettierte. Wie wir in einer früheren "Fledermaus-Region" berichtet haben, gelang die Entdeckung übrigens kurz vor einer kritischen Renovation des Gebäudes, bei der die Kolonie ohne spezielle Rücksichtnahme mit Sicherheit zerstört worden wäre.

Es gibt eine Reihe von Hinweisen aus unserer Region und von umfangreichen Untersuchungen z.B. der Kollegen aus Bayern, wonach Mausohr-Wochenstuben durchaus in Austausch untereinander stehen. Das bedeutet, dass Tiere bei Störungen in einem Wochenstubenquartier durchaus in eine andere Wochenstube umziehen können. In diesem Sinne können wir die Mausohrwochenstuben als Knoten eines Quartiernetzes auffassen - und für dieses Netz gilt, was eigentlich grundsätzlich für alle Netze gilt: je mehr Knoten bestehen und je gleichmässiger sie verteilt sind, desto stabiler ist es. Für uns verbirgt sich damit hinter der erfreulich mit Symbolen angefüllten Karte der Mausohrvorkommen vor allem auch die Botschaft, dass wir es hier nicht mit einem ohnehin am Rande des Aussterbens befindlichen Fledermaus-Restbestand zu tun haben, sondern mit einem nennenswerten Vorkommen, für dessen langfristigen Erhalt sich der Einsatz im Fledermausschutz wirklich lohnt.

Als weiterführende Information gibt es hier eine Darstellung zur Situation (Jahr 2003) der Mausohr-Wochenstuben in der östlichen Landeshälfte der Schweiz im Vergleich mit dem Kanton Schaffhausen als PDF Datei (ca. 0,6 MB).

 

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