Zwergenverwandtschaft ...

... Gerade einmal 5 Gramm bringen die kleinsten Alttiere auf die Waage und ihre Neugeborenen haben ungefähr die Größe einer Bienenkönigin.


(wf) Zwergfledermäuse sind die Leichtgewichte unter unseren heimischen Fledermäusen. Dabei zählen sie aber zu den eher häufigen Arten und sind hinsichtlich der Quartierwahl nicht allzu heikel und oft an ganz normalen Wohnhäusern zu finden. Von ihnen und ihren drei engen Verwandten, die ebenfalls im Bereich Konstanz / Schaffhausen leben, soll hier die Rede sein.

Verbreitungskarte Zwergfledermäuse Landkreis Konstanz

Abbildung 1: Sommerquartiere der Zwergfledermaus (inkl. der vermuteten Fälle ohne eindeutige Artzuordnung) im Landkreis Konstanz.


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25 Sommerquartiere der Zwergfledermaus - meist in Kopfstärken um 30 bis 70 Tiere - kennen wir im Landkreis Konstanz und von weiteren 18 Quartieren vermuten wir ebenfalls das Vorkommen dieser Art (siehe Abbildung 1), konnten sie bisher aber nicht eindeutig der eigentlichen Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus) zuordnen. Es könnte sich dort auch um Vorkommen der Rauhhautfledermaus (Pipistrellus nathusii), die Mückenfledermaus (Pipistrellus mediterraneus), die Weissrandfledermaus (Pipistrellus kuhli) oder auch um die etwas weiter entfernt verwandten Bartfledermäuse (Myotis mystacinus und andere) handeln. Doch von den Schwierigkeiten der Artbestimmung bei den „Pipistrellis“ soll erst später die Rede sein.

Jedem Dorf seine Zwergfledermaus-Wochenstube

Zwergfledermäuse (die echten) sind im Sommer „die“ klassischen Bewohner von Spalten an Häusern. Dies können beispielsweise Holzverschalungen sein, wie sie auch an Neubauten zu finden sind, aber auch Verkleidungen von Dachtraufen, Streichbalken, die bis zur Giebelmauer einen kleinen Spalt lassen, Kaminverblendungen, Mauerrisse, Dehnungsfugen, Spaltenräume in Dächern und vieles mehr. Zwergfledermäuse sind in dieser Hinsicht sehr phantasievoll und können die unerwartetsten Plätze für sich nutzbar machen. Faustregel: Wo ein Männerfinger durchpasst, passt auch eine Zwergfledermaus durch. Was heisst eine - Dutzende!
 

Zwergfledermaus

Zwergledermaus


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Foto: fledermausschutz.ch


Im April oder Anfang Mai belegen die Weibchen ihre Wochenstuben und können dabei durchaus Gruppenstärken bis zu 80 oder mehr Tiere erreichen. Im eher ländlichen Raum können wir davon ausgehen, dass nahezu jedes Dorf und jeder Weiler einer Zwergfledermausgruppe Unterschlupf bietet. Wir kennen aber auch Vorkommen in den Randbereichen grösserer Städte und selbst aus der Kernstadt von Radolfzell wurden uns flugunfähige Jungtiere gebracht. Dabei wird nicht zwangsläufig ein und dieselbe Spalte an einem Gebäude durchgehend genutzt. Sowohl innerhalb einer Saison als auch zwischen den Jahren sind die Tiere durchaus umzugsfreudig und verschwinden an einem Platz nicht selten ebenso überraschend, wie sie gekommen waren. Wichtig für die Quartierwahl sind vermutlich das Ausmass der Besonnung, die Sicherheit (z.B. vor Katzen, die am Ausflug lauern könnten) und vielleicht auch die Belastung mit lästigen Parasiten.

Etwa in der zweiten Juniwoche kommen dann die Jungen - in der Regel Zwillinge - zur Welt, die bereits Mitte Juli so selbständig sind, dass sich die Wochenstubengruppen hierzulande spätestens in der zweiten Julihälfte wieder völlig auflösen. Dieses frühe Verschwinden von den Wochenstubenquartieren ist regelmässig Anlass zur Sorge („unsere Fledermäuse sind plötzlich weg!“), aber auch zur Entspannung in Fällen, in denen der Fledermauskot beispielsweise in lästigem Umfang auf die Gartenmöbel rieselte. Ausserdem können wir dieses Belegungsmuster mit einigermassen guter Sicherheit sogar zur Artbestimmung verwenden: Bei kleinen Spalten bewohnenden Fledermäusen, deren Wochenstuben sich bereits Mitte Juli auflösen, handelt es sich nahezu immer um Zwergfledermäuse. Sind solche Gruppen noch im August und bis in den September hinein anwesend, handelt es sich fast verlässlich um Bartfledermäuse.

Die geheimnisvolle zweite Jahreshälfte

Was machen unsere Zwerge mit dem Rest des Sommers? Um ehrlich zu sein: Wir wissen es nicht genau. Von den höheren Lagen (oberhalb etwa 500 m Meereshöhe) liegen eine Reihe Funde männlicher Zwergfledermäuse vor, die dort im Spätsommer und Herbst offenbar auf paarungswillige Weibchen warten. Aus anderen Regionen Mitteleuropas sind aus der Zeit nach Auflösung der Wochenstuben grosse, teilweise spektakuläre „Schwärmquartiere“ bekannt, in denen sich bis über 1000 Zwergfledermäuse treffen. Diese Schwärmquartiere werden von manchen Fledermäusen aus bis zu 20 km Entfernung jede Nacht angeflogen, andere wandern von weiter her an und bleiben dann länger vor Ort. Die Funktion dieser Schwärmquartiere ist nicht genau bekannt, sie scheinen aber eine Art Sozialbörse zu sein. Bedeutende derartige Schwärmquartiere sind für Baden-Württemberg beispielsweise das Heidelberger Schloss, der Isteiner Klotz bei Freiburg oder die grosse Gerberhöhle auf der Schwäbischen Alb. In unserer Region kennen wir kein derartiges Schwärmquartier. Ob unsere Zwerge nach der Wochenstubenzeit vielleicht Wanderungen über bis zu 100 km zu solchen Schwärmquartieren durchführen? Vielleicht gibt es aber auch kleinere Schwärmereien in unserer Gegend, die wir einfach noch nicht entdeckt haben.

Auch ein weiteres Verhalten, das Fledermausschützer in anderen Regionen regelmässig in Stress versetzt, tritt bei uns offenbar kaum auf: Zwergfledermausinvasionen. Es handelt sich dabei meist um Jungtiere aus dem selben Jahr – jedoch auch einige Alttiere –, die zwischen August und Mitte September in Gruppen zwischen 20 und in Extremfällen über 300 Individuen in Wohnräume einfliegen und dort dann hinter Schränken, Bildern oder Gardinen Unterschlupf suchen. Während es meist eher die menschlichen Betroffenen solcher Invasionen sind, die Hilfe benötigen, kann es auch vorkommen, dass die Fledermäuse selbst eine Hilfestellung benötigen, um den Weg ins Freie wieder zu finden. All dies ist aber - wie gesagt - bei uns kein Thema. Zwergfledermäuse in unserer Gegend machen sich zwischen Mitte Juli und dem März des folgenden Jahres schlichtweg sehr rar. Dies gilt auch für die eigentliche Winterzeit, die Zwergfledermäuse in Spalten an Gebäuden, in Felsen oder auch innerhalb von Höhlen und Stollen verbringen.

Die kleine Unbekannte: die Mückenfledermaus

Nach der relativ häufig anzutreffenden Zwergfledermaus soll nun noch die Rede von anderen Mitgliedern aus der Sippe der „Pipistrellis“ sein, die ebenfalls in unserer Region regelmässig zu finden sind.

Lange Zeit wurden die Mückenfledermäuse (Pipistrellus mediterraneus, manchmal auch Pipistrellus pygmaeus genannt) einfach übersehen, weil man sie für Zwergfledermäuse hielt. Erst genauere Analysen der Ultraschallrufe und des Erbmaterials zeigten, dass es sich um eine eigene, wenn auch äusserlich nur sehr schwer unterscheidbare Zwillingsart handelt. Wie von einer Art nicht anders zu erwarten, deren Erkennung selbst in der Hand Probleme bereitet und die sich darüber hinaus noch nicht einmal ein Jahrzehnt auf den Artenlisten der Fledermauskundler befindet, sind Kenntnisse zu Vorkommen und Lebensweise noch spärlich. Mückenfledermäuse leben offensichtlich regelmässig im Konstanzer Raum, in der Umgebung von Radolfzell und vermutlich an weiteren Stellen eher in Seenähe. Auch anderswo scheinen Mückenfledermäuse stärker an Wasser gebunden zu sein als Zwergfledermäuse. In Baden-Württemberg sind die weitaus meisten Vorkommen entlang von Rhein und Neckar bekannt. Bisher haben sich alle Funde im Landkreis Konstanz und im Kanton Schaffhausen allerdings auf Nachweise jagender Tiere mit dem Fledermaus-Detektor beschränkt. Hier tun uns die Mückenfledermäuse den Gefallen, dass sich ihre Haupt- Ortungsfrequenz mit 55 kHz doch recht deutlich von derjenigen der Zwergfledermäuse (45 kHz) unterscheidet.

Der echte Neubürger: die Weissrandfledermaus

Während die Neuankunft der Mückenfledermaus also eher künstlicher Natur ist und letztlich nur aus einer Änderung der Arteinteilungen resultiert, ist die Weissrandfledermaus (Pipistrellus kuhli) ein echter Zuwanderer. Über diese Art, die Ende des 20. Jahrhunderts von Süden her alle geeigneten Regionen der Schweiz besiedelt hat und in den letzten 10 Jahren merklich auch auf deutschem Boden Fuss fasst, haben wir bereits mehrfach an dieser Stelle berichtet. Innerhalb Deutschlands ist der Raum Konstanz mit einem guten Dutzend Einzelfunden aus den letzten Jahren, darunter auch flugunfähigen Jungtieren, und mit einer bekannten Wochenstube (gefunden 2005 von Klaus Heck) die Gegend mit der höchsten Funddichte dieser Art. Auf schweizer Seite gibt es regelmässig belegte Quartiere vor allem im Stadtgebiet von Schaffhausen. Weissrandfledermäuse - im Mittelmeerraum übrigens eine der häufigsten Arten - sind hierzulande offenbar echte „Städter“. Dies mag unter anderem mit den dortigen, milderen Winterbedingungen zu tun haben. Aus anderen Gegenden ist bekannt, dass Weissrandfledermäuse keine ausgeprägten Wanderungen durchführen und Funde im späten Herbst scheinen dies auch für unseren Raum zu bestätigen.
 

Weissrandfledermaus

 

 

Weissrandfledermaus

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Foto: fledermausschutz.ch

 


Der „Tramp“: die Rauhautfledermaus

Der reiselustigste Vertreter der „Pipistrellis“ ist bei uns ganz zweifellos die Rauhautfledermaus (Pipistrellus nathusii). Rauhautfledermäuse kommen vor allem im Spätsommer in grosser Zahl zu uns gewandert. Die Männchen belegen in den tieferen Lagen entlang des Seeufers und des Rheins kleine Reviere wie z.B. Vogelnistkästen, Fledermauskästen oder alle möglichen Spalten an menschlichen Bauwerken oder Bäumen. Weit über 50 solcher Paarungsquartiere kennen wir allein aus dem Landkreis Konstanz (Abbildung 2). Zu den balzenden Männchen gesellen sich kleine Gruppen von paarungsbereiten Weibchen, die diese Zeit des Spätsommers und Herbstes auch dazu nutzen, sich den nötigen Fettvorrat für den Winter anzufressen, während „Er“ in dieser Zeit eher leichter wird, wie wir in einer Studie am Untersee zeigen konnten. Ende Oktober lösen sich diese Paarungsquartiere dann auf und die Fledermäuse beziehen ihr Winterquartier vor allem in geschützteren Mauerspalten an Gebäuden und - typisch für diese Art - in Brennholzstapeln (landläufig auch als Schiiterbiege bekannt). Von dort werden sie übrigens gelegentlich im Winter irrtümlich samt Brennholz ins Haus transportiert, wachen dort auf und sorgen für zunächst rätselhafte Fledermausnachweise in weihnachtlichen Wohnzimmern. Im Frühjahr lassen sich dann zunächst noch einmal für kurze Zeit grössere Ansammlungen von Rauhautfledermäusen in unserer Gegend finden, ehe die Weibchen sich zu ihren Wochenstubengebieten auf die Reise machen. Aus den Wiederfunden markierter Fledermäuse wissen wir, dass diese im Bereich von Brandenburg bis Litauen liegen können. Rauhautfledermaus-Babies südlich der Mainlinie sind demnach also eine grosse Seltenheit und darüber hinaus wohl ab und zu auch Resultate einer fehlerhaften Artbestimmung. Die Männchen, die bei der Jungenaufzucht ohnehin nicht mitwirken, scheinen den weiten Wanderungen der Weibchen allerdings nicht alle zu folgen. Ein Teil der Männchen verbringt den Sommer südlich der Wochenstubengebiete und so auch in unserer Region. Die Männchen erwarten hier die ab Ende
 

Funde der Rauhautfledermaus im Landkreis Konstanz


Abbildung 2: Funde der Rauhautfledermaus im Landkreis Konstanz: Punkte - Paarungsquartiere (Herbst), Sterne - Winterfunde, Ringe - Sommer bzw. Herbstfunde von Einzeltieren

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Juli eintreffenden Weibchen und der Kreis schliesst sich.

Insgesamt zeigt schon dieser knappe Einblick in das Leben der verschiedenen Vertreter aus dem Clan der „Pipistrellis“ - also der Zwergfledermäuse im weiteren Sinne dass Fledermausart eben nicht gleich Fledermausart ist und wir es mit einer Vielzahl unterschiedlicher Lebensweisen, ökologischer Ansprüche und nicht zuletzt auch Quartiertypen zu tun haben. Dies ist nicht nur aus biologischer Sicht höchst spannend, sondern spielt auch bei den Schutzbemühungen eine wichtige Rolle - denn was beispielsweise der Rauhautfledermaus hilft, muss noch lange nicht das Beste für die Zwergfledermaus sein.
 

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