Turbulentes von den Markelfinger Mausohren ...

... Chronologie einer Renovationsbegleitung mit ganz besonderen Herausforderungen - und ein Musterbeispiel dafür, wie eine gute Zusammenarbeit zwischen Besitzer, Bauträger, Naturschutzbehörde und Fledermausschützern zur Erhaltung der Mausohr-Wochenstube beigetragen hat und zum Erfolgserlebnis für alle Beteiligten wurde

(wf)) In der katholischen Kirche Markelfingen bei Radolfzell befindet sich eine etwa 300-köpfige Mausohr-Wochenstube in der geräumigen Turmzwiebel. Und das offenbar schon seit sehr langer Zeit, erste Belege für Fledermäuse reichen ins Jahr 1915 zurück. Diese Turmzwiebel ist nach unten hin durch einen Bretterboden mit Luke vom Turm abgetrennt und mit Kupfer gedeckt. Die Einflüge erfolgen durch baulich bedingte Spalten am Ansatz der Zwiebel.

Die Tiere nutzen den gesamten Innenraum des Zwiebelturms, bei Kälte hängen sie höher, bei Wärme tiefer, bis ganz hinauf in die Spitze, wo die äusseren Stützbalken sehr eng an den Zentralbalken, den Kaiserstiel, herankommen und sich schliesslich mit ihm vereinigen. Der Turmbereich wurde 1996 saniert und damals wurde - wenn auch nicht immer harmonisch zwischen Architekten und Vertretern des Naturschutzes - ein Weg be­schritten, der möglichst wenige Änderungen am Wochenstubenquartier mit sich brachte. Dazu gehörte auch das Paradigma, an den Lüftungsverhältnissen im Quartierbereich möglichst nichts zu ändern. Zu gross war die Angst vor Zugluft durch Schaffung neuer Lüftungsöffnungen, wie sie schon manche Wochenstubenkolonie zerstört hatte. Die Kolonie war damals mit etwa 160 Weibchen noch etwas kleiner und die Tiere zogen unmittelbar im Frühling nach Fertigstellung der Arbeiten wieder im Kirchturm ein.
 

Ausblühungen am Holz

Diese Ausblühungen am Holz resultieren aus einem
extrem hohen Gehalt an Ammoniumsalzen, deren
Ursprung wohl im Kot und Urin der Fledermäuse liegt.
Glücklicherweise sind solche Fälle die ganz große
Ausnahme. Selbst erfahrene Holzspezialisten hatten
so etwas noch nie gesehen
Foto: Wolfgang Fiedler

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Die Gruppe wuchs und gedieh und zählte zeitweise bis über 400 Köpfe. Der üppig anfallende Fledermauskot wurde von den Pfadfindern der Kirchengemeinde herausgeschafft und verkauft. Dann kam die beun­ruhigende Meldung: ganz oben in der Spitze der Turmzwiebel haben die Pfadfinder pilzartige Auswüchse ausgemacht. Es kam zu Ortsbesichtigungen, Probennahme am Holz durch einen entsprechenden Fachmann und schliesslich zum Resultat: es handelt sich nicht um einen Pilz, auch nicht um einen anderen Holzschädling, sondern um schwammige Ausblühungen der Holzbalken, die teilweise bereits instabil wurden. Diese Balken, die vorher viele Jahrzehnte die Fledermäuse ausgehalten hatten, waren bei der Sanierung 1996 noch unauffällig gewesen und daher nicht ausgetauscht worden. Dennoch spricht einiges dafür, dass die Tiere und insbesondere ihr Kot am nunmehr beklagenswerten Zustand der Bal­ken nicht unschuldig waren: die Holzproben wiesen die 5-fache Konzentration an Ammonium und die über 10-fache Menge an Chlorid gegenüber vergleichbaren Hölzern aus Kirchendächern auf, die nicht von Fledermäusen bewohnt waren. Beide Stoffe machten sage und schreibe 12,5% der Trockenmasse der Holzproben aus und können in dieser Konzentration eigentlich nur aus dem Fledermauskot und -urin stammen. Die traditionell besonders schwache Durchlüftung dieses Zwiebeldaches hat sehr wahrscheinlich ihr Übriges getan.

 

Blick ins innere der Zwiebel

Blick ins innere der Zwiebel. Die dunklen Stellen zeigen: im Sommerhalbjahr hängen hier die Fledermäuse.
Die Ausblühungen treten nicht überall auf, sind im oberen rechten Bildviertel aber zu erkennen (die Zwiebelspitze ist hier während der Bauarbeiten
geöffnet).
Foto: Wolfgang Fiedler

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Da es Zweifel an der Stabilität der Konstruktion gab, musste rasch gehandelt werden. In einigen sehr konstruktiven Besprechungen zwischen Vertretern des erzbischöflichen Bauamtes in Konstanz, dem ausführenden Architekten Frei, der Firma Holzbau Hummel und des amtlichen Naturschutzes, zu denen wir als AGF-Vertreter auch hinzugezogen wurden, wurde eine Konstruktion entwickelt, die einerseits den Mausohren weiterhin eine geeignete Unterkunft zur Aufzucht ihrer Jungen bietet und andererseits eine ausreichende Belüftung der kritischen Teile der Holzkonstruktion sicherstellt. Unter anderem durch einen neuen Zwischenboden, den fledermausdichten Verschluss der obersten anderthalb Meter der Turmspitze und neue Lüftungsöffnungen an dieser Stelle wurde ein Versuch gestartet, der trotz langer Kälteperiode inklusive der nötigen Sanierung der Turmspitze im Winter 2008/2009 realisiert werden konnte. An den Baukosten hat sich auch der amtliche Naturschutz mit einer fünfstelligen Summe beteiligt. Nach bangem Warten war schon Ende März klar: die Tiere ziehen wieder ein. Im Sommer war die übliche Kopfstärke erreicht und wir konnten durchatmen: die neue Konstruktion fand Gefallen bei den Mausohren.
 

Eingerüsteter Kirchturm

Luftiger Ortstermin im schneidend kalten Januarwind: die frierenden Gestalten etwas links von der
Turmspitze sind Bauten- und Fledermausschützer bei einer Besprechung vor Ort. Hut ab vor den Zimmerleuten,
die hier nicht nur palavert, sondern auch gearbeitet haben!

Foto: Wolfgang Fiedler

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Es gibt einige Lehren aus diesem Vorfall zu ziehen. Erstens: der Leitsatz der strikten Unantastbarkeit von Lüftungsverhältnissen in Fledermausquartieren muss unsererseits flexibler angewandt werden. Abgesehen von den – allerdings zum Glück sehr seltenen! – Problemen, die für die Baustoffe dabei auftreten können, ist es auch schwer vorstellbar, dass ein Milieu mit 5-fach überhöhter Ammoniumkonzentration optimal für die Fledermäuse selbst ist. Zweitens: wenn alle an einem Strang ziehen, lässt sich oft auch in einer vermeintlich verzwickten Situation noch eine Lösung finden. Und drittens: Markelfinger Fledermäuse haben Freunde und Unterstützer vor Ort – auch in der Kirchengemeinde selbst. Ihnen verdanken sie letzten Endes ihren Verbleib im Kirchturm, denn ohne die Bereitschaft vor Ort, den Fledermäusen trotz allem eine geeignete Bleibe zu bieten, wären wir mit Sicherheit auch mit der Forderung konfrontiert worden, die ganze Kolonie zu entfernen. Das ist freilich rechtlich alles andere als leicht durchsetzbar, aber es hätte das stets konstruktive Klima unter den Beteiligten sehr nachteilig beeinflusst.
 

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