Fransenfledermäuse in Barzheim und Umgebung ...

... neue Erkenntnisse aus der Telemetrie-Aktion im Sommer 1997

Bereits in an anderer Stelle  haben wir an auf unserer Homepage  über die Barzheimer Fransenfledermäuse berichtet. Eine grosse Menge offener Fragen und die Neugierde, mehr über die Lebensweise dieser in unserer Region selten nachgewiesenen Fledermausart zu erfahren, brachten uns dazu, im  Sommer 1997 zum dritten Mal Tiere mit Mini-Sendern auszurüsten und sie während rund einer Woche bei ihren nächtlichen Jagdstreifzügen im deutsch-schweizer Grenzgebiet zu verfolgen. Da es uns die neuesten Erkenntnisse wert zu sein schienen, haben wir uns entschlossen, das Thema in einem weiteren Artikel zu behandeln.


Was bisher geschah...

Ein kurzer Rückblick: Im Jahr 1995 war einem Weibchen, das als Pflegling zu uns kam, für einige Tage ein Minisender mitgegeben worden. Dieses Tier führte uns zum ersten Quartier in Barzheim (nördich von Thayngen, das sich wiederum nördlich von Schaffhausen befindet) hinter einer Eternitverschalung an einem Ökonomiegebäude. Seinerzeit war aufgefallen, dass die Mitbewohner dieses Weibchens, die wir am Quartier abfangen und untersuchen konnten, aussergewöhnlich leicht waren. Damals stand die bange Frage im Raum, ob die Vertreter dieser seltenen Fledermausart, von der in unserer Region nur ganz wenige Vorkommen bekannt waren, vielleicht in Barzheim so ihre Probleme haben könnten.

Besenderte Fransenfledermaus

 

Eine Fransenfledermaus wird mit einem Senderhalsband ausgerüstet. Um die Belastung für das Tier minimal zu halten, sind die Zusammenarbeit und das Fingerspitzengefühl etlicher Hände nötig.

 

Im Folgejahr, 1996, haben wir daher erneut in der Zeit nach der Jungenaufzucht drei Barzheimer Fransenfledermäuse für eine Woche mit Minisendern versehen. Die Tiere, die wir damals fingen, waren überwiegend normalgewichtig und so bestand Hoffnung, dass es sich bei der Barzheimer Gruppe doch nicht um einen dahinsiechenden Restposten einer Fledermausart handelte, die schon bessere Zeiten gesehen hatte. Die meisten der untersuchten Weibchen hatten darüberhinaus gesäugt und daher wohl auch ein Junges aufgezogen. Zwei weitere Ergebnisse brachte die 1996er-Aktion ausserdem: das bekannte Quartier hinter der Eternitverschalung ist Bestandteil eines Quartierkomplexes, zwischen dessen Einzelquartieren die Fledermäuse rege wechseln. Sechs solcher Quartiere konnten wir 1996 finden. In den meisten Fällen sind die Tiere so perfekt in Mauerhohlräumen und Spalten versteckt, dass wir ohne die Peilsender keinerlei Chancen hätten, solche Quartiere zu finden. Das zweite wichtige Ergebnis war, dass das Weibchen, das schon im Vorjahr besendert worden war, auch in diesem Jahr zum Jagen in einen Kuhstall südwestlich des Dorfes flog (wo es übrigens auch seinerzeit an einem Leim-Fliegenfänger hängen geblieben und so zum Pflegefall geworden war) und das die anderen Sendertiere überwiegend an der Schliffenhalde südöstlich von Barzheim jagten, seltener auch im Tal zwischen Barzheim und Riedheim und ganz kurz einmal im Riedheimer Wald. Dort wiederum hatte das 1995er-Sendertier auch gejagt.

Keiner von uns hätte Ende letzten Jahres geglaubt, die Lebensraumansprüche der Barzheimer Fransenfledermäuse jetzt so gut zu kennen, dass wir anfangen könnten, über Schutzprojekte zu reden. Und damit sollten wir Recht behalten, denn 1997 ergab sich viel Neues.

Die Telemetrie-Aktion 1997

Die Telemetrie von Fledermäusen, also das Anbringen winziger Sender an den Tieren und die Verfolgung der Sendertiere mit Peilantennen, stellt eine perfekte Methode dar, um Fledermäuse „verstehen" zu lernen. Allerdings sind solche Telemetrie-Aktionen immer sehr zeitaufwendig und - wie bei diesen Forschungsobjekten nicht anders zu erwarten- schlafraubend. Während der Telemetrie-Woche vom 8. bis zum 16. August 1997 mussten einige von uns trotz aller Nachtaktivitäten tags ihren regulären Berufen und Aufgaben nachgehen, weshalb wir nicht alle Nächte „durchmachen" konnten. Dennoch ist es selbstverständlich, dass wir ein Maximum an neuen Erkenntnissen ansammeln müssen, wenn wir die Tiere schon mit Fang und Sender belasten. Übrigens mussten wir nur eines der beiden Sendertiere am Ende der Aktion fangen, um den Sender abzunehmen (genannt Tier 6 nach der Sender-Nummer). Das andere (Tier 44 genannt) hatte bereits einen Tag zuvor beschlossen, dass es jetzt genug sei und den Sender beim abendlichen Jagdausflug mit freundlichem Gruss im Quartier zurückgelassen.

Neue Quartiere und deren Nutzung

Erneut blieben die Fledermäuse nicht einmal während dieser einen Woche im selben Quartier. In der Abbildung  sind die benutzten Quartiere mit Zahlen dargestellt: schwarz auf weiss für das eine Sendertier, weiss auf schwarz für das andere.

Lage der Quartiere in Barzheim Quartiere der beiden Sendertiere in Barzheim zwischen 8. und 16.8.97. Weisse Kästchen - Tier 6, schwarze Kästchen - Tier 44, das den Sender nur vom 12. bis 15.8.97 trug. Die Zahlen geben den Tag des jeweiligen Datums an. Schwarze Punkte: die aus früheren Jahren bekannten Fransenfledermaus-Quartiere.
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Die Zahlen stehen für den Tag (9 bedeutet 9.8.97, 10 entsprechend 10.8.97 usw.) und die schwarzen Punkte geben Quartiere an, die bereits aus den Vorjahren bekannt waren, von den Sendertieren 1997 aber nicht benutzt wurden. Es wird auch ersichtlich, dass die Gruppen sich immer wieder neu mischen: den 12.8. verbrachte Tier 44 zusammen mit Tier 6 und einigen Artgenossen im selben Quartier, der hohlen Mauer eines ehemaligen Kuhstalls, wechselte dann aber für 2 Tage in die Balkenkehle einer grossen Scheune, um schliesslich am 15.8. in einem schmalen Spalt zwischen Holzbalken und Mauer in einer anderen Scheune wieder zu 7 Artgenossen und Tier 6 zu stossen, das bereits einen Tag zuvor dorthin umgezogen war. Schon diese kurze Sequenz zeigt uns deutlich, dass wir uns im Fledermausschutz vor allzu einfachen Denkweisen à la „eine Fledermauskolonie und ihr Quartier" hüten müssen. Unsere Fransenfledermäuse sehen offenbar eher ganz Barzheim als ihr Quartier an.

Dieses Muster der Quartiernutzung wäre es wert, einmal noch genauer unter die Lupe genommen zu werden. Wie sieht es im Frühjahr, Frühsommer und später im Herbst aus? Und wie kopfstark ist die gesamte Barzheim-Gruppe überhaupt? Wir halten Ausschau nach einem willigen Studenten, der sich dieser Dinge im Rahmen seiner Diplom- oder Examensarbeit einmal genauer annehmen möchte.

Jagdgebiete

Richtig „Action" kam im friedlichen Barzheim immer dann auf, wenn die Sendertiere zu ihrem abendlichen Jagdflug aufbrachen, was in der Regel kurz nach 21.30 Uhr der Fall war. Jetzt galt es für die Verfolgerteams „dran zu bleiben". Ein Verlieren des Funkkontaktes zieht ärgerliche und aufwendige Suchfahrten nach sich. Glücklicherweise hatten wir die Genehmigung zum nächtlichen Übertritt an der grünen Landesgrenze bekommen und trafen stets auf freundliche und nachsichtige Grenzpolizisten (mehr dazu auch in unserer Rubrik „Grenz-Geschichten").

Jagdgebiete der Tiere Bisher bekannt gewordene Jagdgebiete der Fransenfledermäuse von Barzheim im Spätsommer
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Wohin flogen nun die Tiere zur Jagd? War es wieder der erwähnte Kuhstall oder die Schliffenhalde? Die obige Abbildung zeigt die Jagdgebiete, zu denen uns die Tiere bisher geführt haben. 1996 waren es ganz überwiegend die Gebiete D,F (=Schliffenhalde) und G (=Kuhstall), 1997 waren es A, B, C und E. Ob die Tiere dort wirklich gejagt haben, können wir natürlich nicht mit letzter Sicherheit sagen, denn die Beweisführung würde ja erfordern, dass man eine Nahrungsaufnahme feststellt. Wir sprechen hier aber nicht ganz exakt auch dann von Jagdgebiet, wenn ein Tier dort längere Zeit (mindestens 5 Minuten) auf eng begrenztem Raum unterwegs war. Im Idealfall konnten wir dabei sogar seine Rufe im Ultraschall-Detektor hören.

Nachtprogramme der Sendertiere. Jede Zeile steht für eine Nacht und ein Tier, die Spalten teilen Stunden ein, wobei jede Stunde in 4 Viertelstunden unterteilt ist. Die vorletzte Spalte steht für die Zeit von 3 bis 5 Uhr, die in beiden Fällen, in denen hier ein Eintrag steht, in Gebiet C verbracht wurde. Stern= Ausflug/Einflug am Quartier; Welle= Tier in Bewegung ohne längere Aufenthalte an einem Ort; Doppelpunkt=Kontakt zum Tier verloren; A-E Jagdgebiete
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Nachtprogramm der Sendertiere

Tier 6 zeigte einen ziemlich gleichförmigen Ablauf seiner nächtlichen Ausflüge, wie die obige Tabelle zeigt. Hier ist pro Nacht und Tier jeweils eine Zeile angelegt, in der viertelstundenweise der Haupt-Aufenthaltsort angegeben wurde. Mit kleinen Zeitverschiebungen gestaltete Tier 6 seine Nächte etwa so: zunächst ging es zum Riedheimer Wald (Gebiete A / B), dort wurde bis zu zweieinhalb Stunden gejagt (und wohl auch getrunken), dann ging es zügig die Flanke des Hohenstoffeln hinauf bis zu einer Bachniederung mit Wiesen und Hecken westlich des kleinen Weilers Pfaffwiesen (Gebiet C). Als wir das Tier in der Nacht vom 15. zum 16.8. bis zum Morgengrauen weiterverfolgten, blieb es dort bis kurz nach 5 Uhr, hängte sich mehrfach minutenlang zur Rast irgendwo in die Bäume und flog schliesslich ohne Umschweife ins Quartier nach Barzheim zurück.

Tier 44 gelangte im Laufe der Nacht ebenfalls immer in Gebiet C, flog zuvor aber mehr umher und jagte auch ausgiebiger am nördlichen Ortsrand von Barzheim zwischen den Hochstamm-Obstbäumen.

Und das Wald-, Hecken und Obstbaumgebiet an der Schliffenhalde? Zwar flog 1997 keines der Sendertiere während der Verfolgungen dorthin, aber dennoch war die Schliffenhalde offenbar nicht uninteressant. Wir legten uns vor den Toren Barzheims abends auf die Lauer und registrierten immerhin 12 Fransenfledermäuse, die aus dem Ort kommend Richtung Schliffenhalde unterwegs waren.

Wir kennen nun also schon 3 wichtige Typen von Jagdgebieten: Kuhstall, feuchter Mischwald und offene gehölzbestandene Wiesenlandschaft. Wir wissen auch, dass diese Jagdgebiete längst nicht in unmittelbarer Nähe zu den Quartieren liegen müssen und wir haben drittens Hinweise darauf erhalten, dass jede Fransenfledermaus ihren Nachtflug individuell gestaltet und vermutlich immer dann, wenn sie erfolgreich jagen konnte, ihre Tour über mehrere Nächte beibehält. Was wir noch nicht wissen, ist, welche Jagdgebiete für die Barzheimer Tiere noch wichtig sind, wie die Situation zu anderen Jahreszeiten aussieht und was die Tiere überhaupt fressen. Von Fransenfledermäusen ist bekannt, dass sie nicht nur fliegende Insekten jagen, sondern als sogenannte „Gleaner" (von engl. to glean - sammeln) auch sitzende Insekten und Spinnen von festen Unterlagen abklauben können. Schliesslich sei noch angemerkt, dass wir bisher nur ausgewachsene Weibchen besendert haben. Ob sich Jungtiere und alte Männchen möglicherweise ganz anders verhalten?

Warum das Ganze?

Trotz aller offener Fragen verstehen wir die Fransenfledermäuse von Barzheim nun schon besser als noch vor zwei Jahren. Diese Kenntnisse gilt es nun, für den Fledermasschutz zu verwenden. Vor allem muss geprüft werden, wie sicher der Erhalt der Jagdgebiete ist, ob vielleicht etwas verbessert werden sollte und selbstverständlich müssen die Quartierbesitzer über ihre Untermieter informiert werden. Diese Aktivitäten sind bereits angelaufen und wir sind uns sicher, auf diesem Weg effektiven Fledermausschutz betreiben zu können. Als der Autor dieses Beitrages begann, sich mit Fledermäusen zu befassen, galt ein Fledermausvorkommen schon dann als gesichert, wenn der Besitzer überzeugt werden konnte, die Tiere in Ruhe zu lassen. Über die weiteren Ansprüche der Fledermäuse wusste man insgesamt so wenig, dass sie etwas hilflos einfach übergangen wurden. Heute hat sich unter Fledermausschützern längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass oftmals ausser dem einen bekannten Quartier noch viele weitere zur Verfügung stehen müssen und dass Quartierschutz ohnehin vergebliche Liebesmüh ist, wenn die Jagdgebiete der Tiere verloren gehen. Damit ist es aber nicht mehr genug, in Umfragen nach Fledermausquartieren zu suchen, sondern viel mehr muss über die Tiere in Erfahrung gebracht werden. Im Falle so seltener Vorkommen wie bei den Barzheimer Fransenfledermäusen ist unserer Ansicht nach sogar der hohe Aufwand gerechtfertigt, den wir hiergetrieben haben.

 

Epilog

In der Telemetrie-Woche ’97 haben uns die Tierchen wieder viel aus ihrem Leben, ihren Jagd- und Quartiergewohnheiten erzählt. Es versteht sich von selbst, dass einem die kleinen Flattermänner um so mehr ans Herz wachsen, je mehr aus ihrem Leben und von ihren Gewohnheiten sie preisgeben. Besonders schön ist daher immer das Treffen mit alten Bekannten. So hatten wir das besenderte Weibchen von 1995 auch 1996 wieder gefangen und ein anderes Tier, dem wir 1996 viele Nächte gefolgt waren und das zum Abschluss der letztjährigen Saison einen Markierungsring bekam, ging uns beim Rückfang von Tier 6 am letzten Tag der 97er-Aktion wieder ins Netz. Besonders schön war, dass es sich offenbar bester Gesundheit erfreute.

Abschliessend bleibt noch, der Bevölkerung von Barzheim und den Grenzbehörden ganz herzlich für ihr Entgegenkommen und ihr Verständnis zu danken. Wir hoffen, mit dieser Zusammenstellung ein klein wenig verdeutlichen zu können, wozu all der Aufwand betrieben wurde. Wir hoffen, dann auch auf Verständnis zu stossen, wenn wir in den kommenden Jahren darangehen werden, etwas Licht in die noch offenen Fragen zu bringen.

 

Der Blick vom nördlichen Dorfrand von Barzheim Richtung Nordosten zeigt die strukturreiche Landschaft mit viel Wald, langgezogenen Hecken und Obstbäumen um den Hohenstoffeln. Strukturreiche Landschaft am Hohenstoffeln.
Über dieser Weide unmittelbar in der Nähe des Weilers Hofwiesen konnten wir Tier Nummer 6 aus nur wenigen Metern Entfernung peilen. Das zeigt, dass neben Wald-, Waldrand- und Heckenstrukturen mit Bachläufen auch offenes Grasland für die Jagd der Fransenfledermäuse von Bedeutung ist.  

 

Weide bei Hofwiesen

 

Sicher ist, dass Fransenfledermäuse bezüglich des Quartierangebotes enorm profitieren,wenn nicht jedes Gebäude bis ins Letzte perfekt saniert ist. Bei diesem Geräteschuppen beispielsweise, halten sich die Tiere tagsüber in einem aufgebrochenen hohlen Ziegelstein auf.

 

 

Quartier in Geräteschuppen
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