Automatische Aktivitätszählung in einer Mausohr Wochenstube ...

... erste Erfahrungen mit der computergesteuerten Zählanlage in der Hebelschule Gottmadingen


(wf) Ein Fallbeispiel vorweg: die y-Kirche in x-Dorf soll saniert werden. Es ist geplant, den gesamten Dachbereich neu mit Ziegeln einzudecken und bei dieser Gelegenheit einige morsche Träger der Dachkonstruktion auszutauschen. Für die dort lebende, grosse Wochenstuben-Kolonie der Mausohren bedeutet dies eine ernsthafte Bedrohung. Nun gibt es glücklicherweise aber auch in x-Dorf eine Reihe von Menschen, denen der Erhalt der überregional bedeutsamen Fledermauskolonie sehr am Herzen liegt. Bei einem gemeinsamen Besprechungstermin soll also ein Zeitraum gefunden werden, in dem die Dachsanierung durchgeführt werden kann, ohne allzu grossen Schaden für die Fledermäuse anzurichten. Natürlich ist niemand besonders daran gelegen, das Kirchendach nun ausgerechnet über Weihnachten oder Neujahr abzudecken und so stellt sich die Frage, wann frühestens im Herbst die Arbeiten beginnen können oder wann spätestens im Frühjahr sie beendet sein müssen. Nachfragen in unserer Datenbank ergeben, dass die hiesigen Mausohr-Wochenstuben in den ersten April-Tagen belegt werden und die Gruppen sich im Laufe des Septembers aus diesen Dachstöcken wieder zurückziehen um ihre Winterquartiere aufzusuchen. Dann gibt es aber auch Beobachtungen von Mausohren in Dachstöcken vom 6. Dezember und anderswo wiederum berichtet eine Mesnerin, sie hätte beim Oster-Grossputz in der Kirche bereits in der 2. März-Woche Fledermäuse gesehen. Was tun? Wie sind diese Daten zu interpretieren?

Ideal wäre es, wöchentlich, oder zu den Randzeiten am besten täglich, den Besatz einer Mausohr-Wochenstube zu zählen und so ein für unsere Region typisches Bild zu erhalten. Eine tägliche Störung in der Kolonie verbietet sich natürlich von selbst, also bliebe nur eine tägliche Ausflugszählung. Aber wer wollte die schon jeden Abend, bei jedem Wetter ausführen - von März bis November, oder noch besser rund ums Jahr? Wir haben einen gefunden, der sowieso (fast) alles tut, was man ihm sagt: Kollege Computer.

Lichtschranke am Einflugziegel

 

Blick von innen auf einen der drei Lüftungsziegel, welche den Mausohren als Ein-/Ausflüge dienen. Unterhalb der Öffnung (am Ende der Kabel) befinden sich die beiden Infrarot-Lichtschranken. Foto Michael Klinger

 

Und so tut seit Mitte des Jahres 1996 einer dieser Gesellen mit inzwischen hoher Zuverlässigkeit seinen Dienst in der Mausohrkolonie der Hebelschule Gottmadingen und zählt via Lichtschranken (siehe Abbildung oben) an 3 Ein- und Ausflugslöchern, was dort eben zu welcher Zeit so ein- und ausfliegt. Installiert wurde die Anlage in den Wintermonaten unter der fachlichen Obhut der Firma Batec Hansueli Alder. Für die finanzielle Unterstützung durch die Landesgirokasse Stuttgart bedanken wir uns herzlich, ebenso danken wir auch der Gemeinde Gottmadingen und dem Hausmeister der Hebelschule, Herrn Brütsch, für die Kooperationsbereitschaft.

Ein Beispiel für das ganze Jahr 1997 zeigt untenstehende Grafik. Unterhalb der Null-Linie sind für jeden Tag die registrierten Anzahlen der Ausflüge aus dem Quartier dargestellt, oberhalb der Null-Linie stehen die Einflüge. Für die Aus- und Einflüge befindet sich die Skala links. Die Zackenlinie im unteren Bereich der Grafik gibt die Tagesdurchschnitts-Temperatur im Dachboden unweit der Kolonie-Hangplätze an, deren Skala auf der rechten Seite eingetragen ist.

Tägliche Ein- und Ausflüge

Tägliche Ein-/Ausflugbilanzen (Mitternacht bis Mitternacht) bei der Mausohrwochenstube in der Hebelschule Gottmadingen. Die positiven Werte stellen die Anzahl der Einflüge, die negativen Werte die Anzahl der Ausflüge dar. Der darunterliegenden Kurve sind die jeweiligen Tagesdurchschnittstemperaturen zu entnehmen.
Grafik vergrößert anzeigen

Schnell lässt sich folgendes erkennen: Bereits Ende Februar waren erste Einzeltiere im Quartier zu Besuch und ab Anfang März kam es bereits regelmässig zu Aus- und Einflügen einiger weniger Tiere. Die weitaus meisten Tiere trafen im Verlauf des Aprils ein und zum ersten Mai war das Sommerniveau der Aus- und Einflugsaktivitäten erreicht. Bereits in der 2. August-Hälfte geht die Zahl der Aus- und Einflüge auf die Hälfte zurück, aber die letzten Aktivitäten reichen bis in die ersten Dezembertage hinein.

Wichtig zur Deutung dieses Musters sind folgende Überlegungen: was wir messen, sind nicht Anzahlen von Fledermäusen, sondern Ereignisse, sprich Reaktionen von Lichtschranken auf etwas, das in den Dachstock hineinschlupft oder diesen verlässt. 100 dargestellte Ein- und Ausflüge können entweder bedeuten, dass 100 Tiere einmal abends ausgeflogen und einmal morgens ins Quartier zurückgekehrt sind. Sie können aber auch bedeuten, dass 50 Tiere einmal abends ausgeflogen sind, dann gegen Mitternacht zurückkehrten und sich später nochmals bis zur Morgendämmerung auf Jagdflug begaben. Und - zumindest theoretisch- könnte es sich auch nur um ein einziges, ziemlich unentschlossenes Tier handeln, das eben insgesamt 100 mal in den Dachstock einschlüpfte, wieder herauskam, feststellte, dass es drinnen eigentlich doch besser war, wieder hineinkroch usw. Daher werden unsere Daten nicht täglich zusammengefasst, sondern mit einer Auflösung von einer fünftel Sekunde abgespeichert und lassen diese drei geschlilderten Situationen deutlich unterscheiden. Andere Studien zum Verhalten von Mausohren liefern uns weitere wertvolle Hinweise für eine einigermassen zuverlässige Interpretiation der Daten. Eine Zählung im Sommer 1997 ergab etwas über 250 Weibchen und diesem Wert kommt das Sommer-Niveau der Ausflugszahlen im Durchschnitt recht nahe, was uns zeigt, dass in der Tat die Tiere in der Regel einmal abends ausfliegen und dann erst gegen Morgen zurückkehren.

Nun gibt es aber auch noch einige seltsame "Ausreisser-Balken" in der Grafik. Trotz einiger "Aufmerksamkeit" des Zählcomputers kann es beispielsweise passieren, dass sich eine dicke Spinne so unglücklich vor die Lichtschranken setzt, dass der Computer begeistert hunderte von Ein- und Ausflügen in kurzer Zeit zu erkennen meint. Solche Fehler versuchte Hansueli Alder durch Regulation der Lichtschrankenempfindlichkeit und einige Fehler-Routinen im PC zu minimieren. Nächtelang wurden dazu die Einflugöffnungen gleichzeitig mit Infrarot-Kameras gefilmt, die ausfliegenden Tiere dann am Bildschirm gezählt und die Ergebnisse mit den Zählergebnissen des Computers verglichen. Dann wurde wieder eine Kleinigkeit verbessert, neu kontrolliert, wieder verändert und so weiter. Eine Sysiphusarbeit, die sich aber lohnt. Künftig werden wir jährlich solche Grafiken erstellen können und dies wird uns Vergleiche im Verhalten der Tiere von Jahr zu Jahr ermöglichen.

Zurück zur Interpretation der Grafik: Wir gehen nach den 1997er Ergebnissen also davon aus, dass erste Mausohren bereits ab Ende Februar in den Wochenstubenquartieren auftauchen können, der eigentliche Bezug aber erst im April stattfindet. Aus den Wochenstuben ziehen dann zunächst die Alttiere ab -und zwar in einem ziemlich kurzen Zeitraum in der zweiten Augusthälfte - während die meisten Jungtiere (dass Jungtiere später als ihre Mütter abwandern, ist schon länger bekannt) allmählich bis Ende Oktober das Quartier verlassen. Für das eingangs genannte Beispiel heisst das, dass von April bis Mitte September Störungen absolut tabu sein müssen. Wenn die Bauarbeiten erst zum März abgeschlossen werden können, sollten täglich Vertreter des Fledermausschutzes präsent sein, um eine Gefährdung früh eintreffender Tiere auszuschliessen. Die Handwerker müssen ausreichend über die Möglichkeit auftauchender Fledermäuse informiert werden. Sollten die Bauarbeiten im Spätsommer stattfinden, sollte dies ab Oktober geschehen. In dringenden Notfällen, wo die Zeit bis zum Eintreffen des Winters zu knapp wird, kann etwas früher begonnen werden, wobei dann noch Lösungen gefunden werden müssen, um die evtl. noch anwesenden Fledermäuse nicht zu gefährden. Natürlich sind solche Folgerungen aus nur einem einzigen Jahr eine sehr heikle Sache, aber wir hoffen, mit jedem zusätzlichen Erfassungsjahr hier zuverlässigere Aussagen machen zu können.

Seit 1998 ist es uns ausserdem möglich, ausser der Dachstocktemperatur weitere Klimadaten wie Aussentemperaturen, Wind und Niederschläge mit zu erfassen. Damit können wir Fragen bearbeiten wie etwa diejenige, wie Mausohren auf Temperaturstürze reagieren, ob regelmässig bei Regen gejagt wird, ob früh eintreffende Tiere auch in kalten Nächten auf Jagdflug gehen, warum während des ganzen Sommers immer wieder Nächte mit ganz wenigen Ausflügen stattfinden und vieles mehr.

Eine grosse Frage bleibt allerdings noch zu klären: warum nimmt die Anzahl der Aus- und Einflüge im August nicht drastisch zu? In dieser Zeit müssten zusätzlich zu den Weibchen auch die flüggen Jungtiere ausfliegen und wir sollten eine deutliche Erhöhung der Zahlen erwarten. 1997 war ein erfolgreiches Jahr, was die Jungenaufzucht in der Kolonie angeht. Dies hat eine Sichtzählung im Dachstock deutlich gezeigt. Wo also stecken diese Jungtiere in unserem Diagramm? Wird das zusätzliche Ausfliegen von Jungtieren dadurch überlagert, dass kinderlose Weibchen dann schon die Kolonie verlassen - also die Gesamtzahl der Tiere gar nicht ansteigt? Oder schlüpfen die Jungen durch irgendwelche Löcher, an denen keine Lichtschranken sind? An dieser Frage wird noch zu arbeiten sein, denn es wäre natürlich wünschenswert, auch den Aufzuchtserfolg einer Kolonie mit unserer Registrieranlage zu messen.

Dennoch sind wir mit dem Anlauf des Projektes bisher sehr zufrieden und hoffen, an der Hebelschule Gottmadingen stellvertretend für andere Mausohr-Vorkommen unserer Region interessante und wichtige Erkenntnisse zu Schutz und Lebensweise unserer Mausohren zu gewinnen.

Mikroprozessor im Dachstock der Hebelschule

 

Die „Black box", das Herzstück der Anlage auf dem Dachboden der Hebelschule. Hier laufen die Signale der einzelnen Lichtschranken und Sensoren zusammen und werden, nach Auswertung durch einen Mikroprozessor, an den PC im darunterliegenden Zimmer übermittelt. Foto Michael Klinger

Weitere Informationen gibt es in der Publikation über die elektronische Erfassung , die hier als PDF zum Download (ca. 2,25 MB) bereit steht.
Seitenbeginn     Hauptseite Fledermausregion

 


© Copyright 2006  BUND Naturschutzzentrum Westlicher Hegau o Alle Rechte vorbehalten o Seitengestaltung: Dr. Michael Klinger o Wir wünschen allen Kunden und Fledermausfreunden ein erfolgreiches Fledermausjahr 2008 o last updated 06.07.2008